Artemis Bodrum · 16. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit · Geschichte & Kultur
Die meisten Lykien-Reisenden fotografieren die in den Fels gehauenen Gräber und fahren weiter. Dabei lässt sich diese Zivilisation nicht verstehen, ohne ihre Hauptstadt und ihr Heiligtum besucht zu haben. Nur 4 Kilometer voneinander entfernt liegen am Ufer des Eşen Çayı (in der Antike Fluss Xanthos) Xanthos und Letoon, seit 1988 gemeinsam UNESCO-Welterbe. Es ist die Geschichte einer in Stein gemeißelten Sprache und eines Volkes, das zweimal den Tod der Unterwerfung vorzog.
Xanthos, die Hauptstadt Lykiens
Xanthos, auf den Hügeln am linken Flussufer nahe dem heutigen Kınık gelegen, war nach den Worten des Geographen Strabon "die größte Stadt Lykiens". Als politisches Zentrum des Lykischen Bundes war die Stadt das Herz einer Zivilisation mit eigener Schriftsprache und eigenem Alphabet.
Die Stadt, die zweimal brannte
Die Geschichte von Xanthos birgt eine der erschütterndsten Widerstandserzählungen Anatoliens — und diese Geschichte wiederholte sich zweimal.
Das erste Mal um 540 v. Chr.: Der persische Feldherr Harpagos zog im Namen des Kyros gegen Lykien. Nach Herodots Bericht steckten die Xanthier, als sie die Niederlage für unabwendbar hielten, ihre Akropolis in Brand, töteten ihre Frauen, Kinder und Sklaven und stürzten sich anschließend in einem Selbstmordangriff auf den Feind.
Das zweite Mal, genau fünf Jahrhunderte später, im Jahr 42 v. Chr.: Im römischen Bürgerkrieg belagerte Brutus die Stadt. Nach Plutarch setzte die Bevölkerung ihre Stadt erneut in Brand und beging kollektiven Selbstmord. Trotz der Rettungsversuche der römischen Soldaten überlebten nur 150 Menschen. Derselbe Hügel, dieselbe Entscheidung, zweimal.
Was gibt es in Xanthos zu sehen?
- Harpyien-Monument: Ein Pfeilergrab aus der Zeit um 480 v. Chr. Seinen Namen verdankt es den geflügelten Frauengestalten (Harpyien) auf seinen Reliefs. Der Schaft des Monuments steht noch an Ort und Stelle; die originalen Reliefs befinden sich jedoch im British Museum — was Sie vor Ort sehen, sind Kopien.
- Nereiden-Monument: Ein tempelförmiges Grabmal aus den Jahren 390–380 v. Chr. Für Gäste, die in Bodrum übernachten, besteht eine besondere Verbindung: Die Architektur dieses Monuments hat das Mausoleum von Halikarnassos — das Weltwunder von Bodrum — unmittelbar beeinflusst. Der Bau ist heute rekonstruiert im Saal 17 des British Museum zu sehen.
- Inschriftenpfeiler (Obelisk von Xanthos): Dieser Pfeiler trägt Inschriften in lykischer, milyischer und griechischer Sprache und ist ein Schlüsseldokument für die Entzifferung des Lykischen.
- Römisches Theater: Es liegt am Fuß der Akropolis, direkt neben den Pfeilergräbern. Genau dieses Nebeneinander — lykisches Grab und römisches Theater — fasst die vielschichtige Geschichte der Stadt in einem einzigen Bild zusammen.
- Byzantinische Basilika: 74 × 29 Meter groß; ihre Mosaikböden erzählen von der christlichen Epoche der Stadt.
- Nekropole: Über das gesamte Stadtgebiet verstreute Sarkophage und Pfeilergräber. Ein lykischer Sarkophag, der in der Dämmerung einsam im Feld steht, gehört zu den unvergesslichsten Anblicken der Region.
Warum stehen die Fundstücke in London?
Der britische Reisende Charles Fellows durchstreifte ab 1838 Lykien und entdeckte Xanthos wieder. Mit einer Genehmigung der osmanischen Verwaltung ließ er die Fundstücke in einer Ende 1841 begonnenen Aktion in Kisten verpacken; im März 1842 wurden rund 80 Tonnen Material in 82 Kisten über den Fluss transportiert, auf das Schiff HMS Beacon der britischen Marine verladen und ins British Museum gebracht. Wenn Sie bei Ihrem Rundgang durch Xanthos vor einem leeren Sockel stehen, verändert das Wissen um diese Geschichte das Erlebnis vollkommen.
Letoon: das Heiligtum Lykiens
Letoon liegt 4 Kilometer südlich von Xanthos und war das religiöse Zentrum der Stadt und des gesamten Lykischen Bundes. Die lykischen Machthaber verkündeten hier ihre öffentlichen Beschlüsse — der Ort war also nicht nur ein Tempelbezirk, sondern zugleich eine Art Verfassungsplatz.
Seinen Namen trägt er nach Leto, die in der Mythologie von Zeus die Zwillinge Apollon und Artemis gebar. Auf dem Gelände stehen drei Tempel nebeneinander: Der mittlere ist Artemis geweiht, die beiden anderen Leto und Apollon. Der Leto-Tempel wurde zwischen 2000 und 2007 wieder aufgerichtet.
Die dreisprachige Inschrift von Letoon
Der größte Beitrag Letoons zur Weltarchäologie ist die 1973 gefundene und auf 337 v. Chr. datierte dreisprachige Stele. Auf ihr sind Kultbestimmungen in drei Sprachen festgehalten: Lykisch, Altgriechisch und Aramäisch. Für die Wissenschaft bedeutete diese Stele einen Wendepunkt beim Verständnis der lykischen Sprache — eine Art "Stein von Rosette Lykiens".
Was gibt es in Letoon zu sehen?
- Die drei Tempel und ihre Fundamente.
- Nymphäum: Ein monumentaler Brunnenbau, der zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. oder später über einem hellenistischen Bauwerk errichtet wurde.
- Hellenistisches Theater: Im Nordosten des Geländes, in recht gutem Erhaltungszustand.
- Ruinen unter Wasser: Da das Gelände unter dem Grundwasserspiegel liegt, steht ein Teil der Überreste dauerhaft unter Wasser. Schildkröten und Frösche schwimmen zwischen den antiken Säulen — ein sonderbarer, aber bezaubernder Anblick.
Die Ausgrabungen in Letoon wurden ab 1962 unter der Leitung des französischen Archäologen Henri Metzger durchgeführt.
Praktisches zum Besuch
- Dauer: Für Xanthos 1,5–2 Stunden, für Letoon 45 Minuten bis 1 Stunde. Da die Entfernung zwischen beiden gering ist, sollten Sie beide zusammen einplanen; ohne das eine bleibt das andere unvollständig.
- Reihenfolge: Zuerst Xanthos (hoch gelegen, in der Morgenkühle), danach Letoon ist eine gute Einteilung.
- Beste Zeit: In Xanthos gibt es kaum Schatten; meiden Sie die Mittagsstunden im Sommer. Das Nachmittagslicht ist ideal, um die Pfeilergräber zu fotografieren.
- Eintritt: Beide sind kostenpflichtige Ausgrabungsstätten, die Müzekart ist gültig. Aktuelle Preise und Öffnungszeiten entnehmen Sie bitte den offiziellen Quellen.
- Untergrund: Steinig und mit Gras bewachsen. Feste, geschlossene Schuhe sind unerlässlich. In Letoon kann der Boden in den Frühlingsmonaten nass sein.
- Mitnehmen: Wasser und Kopfbedeckung; die Verpflegungsmöglichkeiten auf dem Gelände sind begrenzt.
Wie kommt man von Bodrum aus hin?
Von Artemis Bodrum sind es bis Xanthos etwa 260 km; mit dem Auto dauert die Fahrt durchschnittlich 3 Stunden und 50 Minuten. Die Route führt über Milas–Muğla in Richtung Fethiye und von dort weiter nach Kınık. Für einen Tagesausflug ist das eine lange Strecke: Seien wir ehrlich — Hin- und Rückfahrt an einem Tag sind anstrengend. Weitaus angenehmer ist es, den Besuch mit einer Übernachtung auf der Strecke Fethiye–Kaş zu verbinden.
Ausführliche Informationen und eine Karte finden Sie auf unserer Destinationsseite zu Xanthos & Letoon.
Weitere Ziele in der Nähe
Xanthos und Letoon liegen genau in der Mitte der lykischen Route. Am selben Tag lassen sich Patara (die antike Hafenstadt mit ihrem langen Sandstrand), Kalkan und die Saklıkent-Schlucht problemlos ergänzen. Patara an der Flussmündung war auch der Ausgangspunkt der Route, der Fellows auf seinem Weg nach Xanthos folgte — eine naheliegende Kombination für alle, die einen Tag auf den Spuren der Geschichte verbringen möchten.
Für alle, die in Bodrum auf die Leerstelle des Mausoleums blicken und sich fragen: "Wie mag es wohl ausgesehen haben?", hat Xanthos eine ganz eigene Bedeutung: Das Nereiden-Monument ist der architektonische Vorfahr jenes Weltwunders. Dieser Faden, der beide Städte verbindet, kann Ihren Urlaub im Artemis Bodrum in eine Reise durch die Geschichte verwandeln.





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